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Der vergessene Soldat - Originaltitel 'Le Soldat oublié', Übersetzung aus dem Französischen
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Der vergessene Soldat - Originaltitel 'Le Soldat oublié', Übersetzung aus dem Französischen
von: Guy Sajer
Helios Verlag, 2016
ISBN: 9783869331584
464 Seiten, Download: 714 KB
 
Format: EPUB
geeignet für: geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen PC, MAC, Laptop

Typ: A (einfacher Zugriff)

 

 
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Leseprobe

Zum Geleit


Es mag tausend Gründe geben, warum man ein Buch über den Krieg lesen möchte, und besonders über die Art von Krieg, wie er sich dem ängstlich in seinem Graben, irgendwo in den Weiten Russlands hockenden und frierenden Soldaten darstellt, krank und gemartert, einzig hoffend, dem Inferno, das auf ihn wartet, vielleicht doch noch entkommen zu können. Mein Grund war familiärer Natur, nämlich der Wunsch, doch einmal etwas über den Großvater zu erfahren und über das, was er dort, namentlich in Russland, denn erlebt, worüber er nie gesprochen hatte und zu mir auch nicht mehr sprechen konnte, da er recht zeitig, also vor meinem Eintritt in die Welt, an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung verstorben war. Was ich von ihm besitze, reduziert sich auf ein vergilbtes Foto und ein militärisches Abzeichen, das sich als sogenannte ‘Nahkampfspange’ herausgestellt hatte. Da nun der Großvater selbst nicht mehr hat berichten können, wie er dazu gekommen war, wandte ich mich seinerzeit an den zweiten Mann meiner Mutter, er war über zwanzig Jahre älter als sie und hatte den Krieg als junger Gebirgsjäger erlebt, doch hatte auch er keine große Lust, die besagte Zeit aus der Versenkung des Gedächtnisses zu holen. Als ich dann doch nicht locker ließ, stand er eines Tages auf, ging ans Regal und zog ein Buch heraus, das er mir mit den Worten hinstreckte: lies das, da steht alles drin.

Das ganze ist einige Jahre her, und bei dem Buch handelte sich natürlich um den „Soldaten“ von Guy Sajer1, den Sie jetzt in der Hand halten, und wenngleich ich danach noch so manche Schilderung von Frontsoldaten des Zweiten Weltkriegs gelesen habe, konnte mich später kaum etwas je wieder so in den Bann ziehen wie eben dieses Buch2.

Obwohl Sajer nun kein Flaubert ist, das kann man ruhig so sagen ohne seine Verdienste zu schmälern, er hat immerhin 1968 den Prix des Deux Magots für das Buch bekommen, einen Literaturpreis, obwohl er also einen überschaubaren Erzählstil an den Tag legt, beginnen uns die geschilderten Ereignisse bald unwiderstehlich mitzunehmen, und man meint wirklich selbst zu marschieren auf den Rollbahnen der unendlichen Ukraine: “Einmal mehr überwältigte uns die ungeheure Weite der Landschaft, wo es nichts gab als die Natur. Nie stand mir die Vorstellung von Raum klarer vor Augen. Nie nahm das Wort ›unermesslich‹ einen konkreteren, erdrückenderen Sinn an als in diesem Russland”.

Im Originaltitel, „Le soldat oublié“, bezeichnet sich Sajer noch als „vergessenen“ Soldaten, was sich ein wenig aus dem resignativen Unterton erschließt, der uns manchmal entgegenschlägt, wenn der Autor in die Gegenwart, seine Schreibgegenwart der 50er Jahre3 wechselt und uns mitteilt, wie wenig seine französischen Zeitgenossen interessiert, was er damals bei den verhassten Deutschen in Russland hat durchmachen müssen. “Vergessen Sie das alles”, sagt ihm ein Leutnant der Franzosen, als er schließlich, nach dem Krieg, aus kurzer Gefangenschaft entlassen wird, als man feststellt, dass sein Vater Franzose ist. Das verbittert ihn und lässt ihn sich sogar an einer Stelle zu einer ganz merkwürdigen ideologischen Apologie hinreißen, übrigens die einzige Stelle, die wir hier im Text weggelassen haben, denn wer braucht einen solchen Unsinn schon, wo wir ansonsten doch ein so grandioses, erfrischend unprätentiöses und weder verklärendes noch verherrlichendes Buch vor uns haben. Jedenfalls wollte er selbst keineswegs vergessen, und dafür danken wir ihm. Durch sein Schreiben und den Erfolg, den das Buch erfahren hat, wurde der vergessene Soldat längst dem Vergessen entrissen, und so brauchen wir auch dieses Wort im Titel nicht mehr.

Dass nun Sajer4, als Franzose, der das Buch auch eben in seiner Landessprache geschrieben hat5, Rekrut der Wehrmacht wurde, lag wohl daran, dass er eine deutsche Mutter besaß6, was anno 1942 hingereicht haben musste, um den 17-Jährigen in deutsche Dienste zu nehmen. Er kam dann zur Ausbildung nach Chemnitz, wo die ganze große Erzählung beginnt. Später findet man ihn bei den Nachschubeinheiten in der Ukraine, schließlich bei den Infanteristen an der Front und sogar in einer Elitedivision, wobei er sich selbst kaum je elitär vorkommt, vielmehr lesen wir von fürchterlichen Ängsten, schrecklicher Kälte und all den wahnsinnigen Begebnissen, die man schon ahnt, wenn es um den Krieg geht, die man sich aber dennoch nicht vorstellen kann oder mag, bis Sajer sie einem vor Augen führt.7 Wir begegnen auch Freund- und Kameradschaften, eine große ist dabei in der Gestalt von Halls, der ihn bis zuletzt begleitet, und erleben den ganzen Mahlstrom des Gemetzels, in den diese jungen Kerle gerissen wurden, bevor sie noch überhaupt Zeit hatten erwachsen zu werden, den Zusammenbruch der Front, die Rückzüge und das Ende aller Träume.8

Doris Lessing9 schreibt einmal, sie wüsste von keinem anderen Buch, das in ähnlichem Maße als Protest gegen die Schicksalhaftigkeit des menschlichen (oder: unmenschlichen) Daseins gelesen werden könne, und mit welchem zugleich so gut gelungen wäre, was der Autor sich vorgenommen hätte (in den Worten Sajers): “die Schreie des Schlachthofes so unmittelbar und intensiv wiederzugeben wie möglich”, und wir sehen, dass es nach seinem ersten Erscheinen 1967 bei Robert Laffont, Paris, sowie der Übersetzung in mehr als dreißig Landessprachen, zurecht Leser in der ganzen Welt gefunden hat.10

Auch wir haben das Buch seit 1969 in deutscher Sprache11, mit dem bereits erwähnten Mangel der fahrlässigen Übersetzung behaftet, weshalb es hier nun erstmals vollständig erscheint.

April 2016 – Der Herausgeber

1 in der Übersetzung von Wolfgang Libal, mit dem unglückseligen Titel “Denn dieser Tage Qual war groß”. Diese Übersetzung ist in weiten Teilen eher eine Bearbeitung, weil sie eine beträchtliche Anzahl Passagen des französischen Originals einfach weglässt.

2 wobei es selbstverständlich andere gute Bücher gibt, es sei nur in ganz zufälliger Auswahl erwähnt Günter Koschorreks “Vergiss die Zeit der Dornen nicht” (noch so ein unglückseliger Titel, wo haben sie die nur immer her) und Hans-Jürgen Hartmanns “Zwischen Nichts und Niemandsland”.

3 er hat erst 1952 mit dem Aufschreiben seiner Geschichte begonnen, in Schulhefte hinein, mit Bleistift, es soll Vorabdrucke in einer belgischen Zeitschrift gegeben haben, bevor alles dann später bei Robert Laffont erschien.

4 er heißt eigentlich Guy Mouminoux, unter diesem Namen findet man ihn auch in der Wikipedia, Sajer ist der Mädchenname seiner Mutter, der ihm dann als Pseudonym wohl nahe lag.

5 er lebte oder lebt heute noch nahe Paris, 2011 hat er dem Verfasser dieses Geleitworts noch einen Brief beantwortet, 2015 einen weiteren dann nicht mehr.

6 Hier einmal aus dem zweiten Teil, nahe Bjelgorod: “Fünf oder sechs Minuten später eröffnete die russische Artillerie ein Feuer, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Die Sonne verbarg sich vor unseren schreckgeweiteten Augen und es wurde finster um uns herum. Nur die roten Blitze, die sich in achtzig bis hundert Metern Entfernung abzeichneten, durchstachen pausenlos die staubige Gewitterwand. Die Erde bebte heftiger als je zuvor. Hinter uns entzündete sich überall das Unterholz. Wir schrien wie wahnsinnig aus wunden Kehlen. Nichts blieb wo es war. Erde, Eisen und Feuer wurden um uns herum durch die Luft gewirbelt. Kraus und einer von den Neuen wurden verschüttet, bevor sie überhaupt merkten, was los war.”

7 Eine Stelle von diesem Ende, aus dem von Hunger und Tod gezeichneten Memel an der Ostsee, im letzten Drittel des Buches, wo der Autor wie so oft und sehr eindrucksvoll mit dem Unaussprechlichen ringt: “Wie lange waren wir nun schon hier? Wie viele Leben? Ich weiß es nicht mehr, und die Welt wird es niemals wissen. Ich hatte das Gefühl, einzig für diese Prüfung geboren worden zu sein. Memel war zum Gipfel meines Lebens geworden, der höchste Gipfel, über dem nur noch der Schleier des Unendlichen lag. Nach Memel würde nichts mehr von uns übrig sein. Das Leben, das ich danach vielleicht noch kennenlernen mochte, würde nur wie ein Paar Krücken sein, die man einem Krüppel schenkte. Memel war mein Grab, es war das Absolute.”

8 sie hat 2007 den Nobelpreis für Literatur bekommen und ein Vorwort zur englischen Übersetzung Sajers geschrieben, die mir in der Taschenbuchausgabe bei Phoenix, London 2003, vorliegt. Ihr war das Buch mit den Worten empfohlen worden, dass sie niemals ein besseres darüber lesen würde, wie es als einfacher Soldat im Krieg gewesen sei, und sie sagt dann weiter, dass sie es...



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